“Schlecht” ist ein Werturteil, das zu vergeben meist relativ leicht fällt, das aber fast niemand gern hinnimmt. Wer sich mit seinen Fotos an die (Internet-) Öffentlichkeit wagt, wird dieses Urteil unweigerlich früher oder später in Empfang nehmen müssen – wenn er Glück hat, liefert der Kritiker eine halbwegs plausible Begründung, wenn nicht, wird er sich die Frage nach dem “warum” selbst zu beantworten versuchen. Das ist nicht immer einfach, denn was “schlecht” ist, beurteilt nicht jeder aus der gleichen Perspektive.

“Schlecht” durch technische/handwerkliche Mängel

schlecht Bei der großen Mehrzahl der Bildkritiken in den Fotocommunities geht es um solche “Bildfehler”: Verwackler, ungünstige Perspektiven, mangelnde Farbtreue sind beliebte Kriterien, nach denen ein Foto als “schlecht” abgeurteilt wird. Dass diese Kriterien sich nur bedingt zur Beurteilung eignen, wird nicht erst deutlich, wenn es um das fotografische Genre “Lomografie” geht: Vielleicht hat der Fotograf Verwackler in Kauf genommen, um seinen Bildern größere Authentizität zu verleihen. Und eignet sich eine sichtbare Vignettierung nicht trefflich, um den Blick des Betrachters zu führen? Und dann ist da noch die viel (zu viel) zitierte Drittelregel, zu der Sam Jost (Radeldudel) neulich erst ein paar wahre Worte gesagt hat. Zugegeben, viele technische Mängel geraten unbeabsichtigt ins Bild – aber technische Perfektion ist nicht alles. Das bloße Vorhandensein eines technischen Mangels sagt eigentlich gar nichts aus.

“Schlecht” als moralische Wertung

Moralische Wertungen fallen vielen Bildkommentatoren schwer, beruhen solche Urteile doch stets auf dem eigenen Wertesystem, für das nicht unbedingt ein breiter Konsens zu erwarten ist. Wer ein moralisches Werturteil abgibt, verrät damit viel über sich selbst, denn streng genommen geht es hier nicht um “gut oder schlecht”, sondern um “gut oder böse” und, auf das Bild bezogen, nicht mehr um das “Wie”, sondern um das “Was” und noch mehr um das “Warum”.

Weitgehender Konsens besteht, wenn es um Fotos geht, auf denen Kindesmissbrauch dargestellt wird. Es gibt (hoffentlich) nur wenige Zeitgenossen, die solche Bilder nicht als “schlecht” beurteilen würden. Aber jenseits dessen differieren die Urteile bereits deutlich: Glorifizierende Fotos von angehenden Selbstmordattentätern, die bereits ihren Sprengstoffgurt angelegt haben, mögen hierzulande auf Ablehnung stoßen, doch für die Familien und Freunde der Täter sind diese Fotos mitunter in hohen Ehren gehaltene Heldenbilder. Noch weniger Konsens findet sich bei der Beurteilung von anderen Propagandafotos – bei deren Betrachtung treten Bildinhalt und -ausführung oft vollends hinter die Absicht des Fotografen (oder dessen, der das Bild für seine eigenen Zwecke ge- oder missbraucht) zurück.

Moon over Camp Taji, Iraq

Ein Foto der US-Army auf Flickr: Einfach nur ein gutes Foto, oder Glorifizierung eines Angriffskrieges?

Ein Spezialfall bei der moralischen Beurteilung von Fotos ist der Aspekt der Wahrhaftigkeit. Die spielt vor allem bei Fotos eine Rolle, die der Dokumentation und Berichterstattung dienen. Und sie fängt nicht erst bei der Bildbearbeitung an, sondern schon, bevor der Fotograf auf den Auslöser drückt: Richtet er bei Straßenschlachten die Kamera auf Chaoten, die Steine und Brandsätze werfen, oder nimmt er ausschließlich knüppelschwingende Polizisten ins Visier? Vergrößert oder verkleinert er Menschenmengen optisch (zum Beispiel durch die Wahl der Brennweite)? Die Wahrhaftigkeit solcher Aufnahmen können nur jene wirklich beurteilen, die bei den im Bild gezeigten Ereignissen vor Ort gewesen sind. Nichtdestoweniger maßt sich jeder, dessen Interessen von der Bild-Berichterstattung negativ berührt werden, Zweifel daran an – und da unterscheiden sich die Regierungen der USA, des Iran oder der Bundesrepublik Deutschland nicht wesentlich voneinander.

“Schlecht” im Sinne von “schlecht geeignet”

Dieser Aspekt steht nicht notwendiger Weise im Einklang mit den vorgenannten. Ein technisch einwandfreies, moralisch unangreifbares Foto kann völlig ungeeignet sein. Ein offensichtliches Beispiel:

(Urb)Ex Nobel 10

Dieses Foto von Marco Bellucci auf Flickr ist zweifellos ungeeignet für den Abdruck in einer Hochglanzbroschüre, mit der der Verkauf von Immobilien angekurbelt werden soll.

Für viele Zwecke sind gerade die unter dem Aspekt der Wahrhaftigkeit einwandfreien Aufnahmen ungeeignet. Mit den Folter-Fotos aus Abu Ghraib fiel es Bush schwer, den Irak-Krieg auf internationalem Parkett weiter zu rechtfertigen, und die Fotos chinesischer Panzer, die über friedliche Studenten rollen, trübten eine Zeit lang sogar die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen China und dem Rest der Welt.

Der Aspekt “Eignung” ist vor allem dann relevant, wenn der Fotograf seine Fotos im Auftrag eines Dritten macht. Denn was “gut” oder “schlecht” ist, bestimmt dieser Dritte. Dass Werbe-Aufnahmen das zu bewerbende Produkt nicht in einem negativen Licht zeigen sollten, versteht sich von selbst. Dass ein regierungsnahes Blatt keine Fotos abdrucken wird, die den Staatschef kompromittieren, ist nicht bloß im Berlusconi-Staat so. Aber auch ein Hochzeitsfotograf, der statt des Brautpaars hauptsächlich die Eskapaden volltrunkener Feiergäste ins Visier nimmt, wird Mühe haben, sein Honorar einzufordern. Um diesen Aspekt auf einen einfachen Nenner zu bringen: “Schlecht” ist, wenn der Kunde (zu Recht) nicht zahlt.

“Nicht schlecht” ist nicht gut

Die obige Aufzählung erhebt keinesweigs Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt noch viele weitere Aspekte, unter denen ein Foto als “schlecht” beurteilt werden könnte, oftmals aus der rein subjektiven Sicht eines einzelnen Betrachters, und nicht selten ohne dass auch für diesen Betrachter ein Grund dafür greif- oder gar formulierbar wäre.

Viele Foto-Enthusiasten streben fortwährend nach dem perfekten Foto – doch eine Vermeidungsstrategie wird sie da nicht weiterbringen: Ein Foto ohne technische Mängel, das mit dem Wertesystem der Mehrheitsgesellschaft nicht kollidiert, und dessen Art und Inhalt dem beabsichtigen Verwendungszweck nicht im Wege stehen, ist “nicht schlecht”. Aber deshalb noch lange nicht gut.

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