Wildlife-Fotografie ist ein Genre, dem man hierzulande nicht all zu oft begegnet. Kein Wunder, denn wilde Tiere (es sei denn solche, die man besser vor einem Makro-Objektiv oder noch besser unter einem Mikroskop platziert), machen sich in Europa rar. Der Detmolder Fotograf Uwe Skrzypczak (www.serengeti-wildlife.com) hat sich nicht nur deshalb Afrika zur zweiten Heimat erkoren. Der Autor des Lehrbuchs Wildlife-Fotografie (auch in englischer Sprache erschienen) und der beiden Kinderbücher Simba, Duma, Tembo und Mein großes Buch der Löwen fotografiert mit Vorliebe in der Serengeti und der Masai-Mara. Im Interview spricht er über seine Faszination für diese Lebensräume und seine Erfahrungen als Wildlife-Fotograf.

Wie kamen Sie zur Wildlife-Fotografie?

Die Fotografie war für mich trotz vieler Nächte in der Dunkelkammer Leidenschaft und Entspannung zugleich. Schwerpunkt war immer die Architektur- und Archäologiefotografie, bis ich Ende der neunziger Jahre per Zufall in Kenia gelandet bin. Seitdem lässt mich Afrika nicht mehr los.

Foto: Uwe Skrzypczak  Nach ersten Gehversuchen in der Wildlife-Fotografie, noch mit meiner 6×7 Architektur-Kameraausrüstung, habe ich mich intensiv mit der notwendigen Kamera- und Aufnahmetechnik für dieses fotografische Genre beschäftigt. Schnell wurde mir dabei klar, dass das Wissen über Habitat und Tierverhalten im Fotoaufnahmegebiet das wichtigste Werkzeug eines Wildlife-Fotografen ist.

Der Rest ist für mich, neben dem fotografischen Auge, Metall, Glas, Elektronik und handwerkliches Können, das fast jeder erlernen kann.

In den letzten Jahren lag das Hauptaugenmerk meiner fotografischen Arbeiten auf den Tierwanderzyklen im Serengeti-Ökosystem. Stilistisch hat bei mir die Reportage- und Dokumentationsfotografie Vorrang, damit ich die Abläufe in der Natur in meinen Büchern möglichst schlüssig darstellen kann.

Sie kommen bei Ihrer Arbeit wilden (und mitunter vielleicht auch hungrigen) Tieren relativ nahe. Hat Sie das schon einmal in brenzlige Situationen gebracht und wie viel müssen Sie über die Tiere wissen, die Sie fotografieren wollen ?

Foto: Uwe Skrzypczak Nein, in eine brenzlige Situation bin ich noch nicht gekommen, denn Wildlife – Fotografie muss man so verstehen: Persönlich erinnert mich die Wildlife-Fotografie an ein Paradoxon aus dem Religionsunterricht:

Arbeiten und Beten ist erlaubt, Beten und Arbeiten ist nicht erlaubt !

Dieses Paradoxon trifft im Kern voll auf die Wildlife-Fotografie zu: Konzentrierte Tierbeobachtung und erfolgreiche Wildlife-Fotografie geht nicht. Erfolgreiche Wildlife-Fotografie und konzentrierte Tierbeobachtung geht.

Konzentrierte, präzise Beobachtung ist für die erfolgreiche Wildlife-Fotografie sogar ein absolutes Muss.

Aber unterscheiden wir erst einmal die beiden Sätze:

Foto: Uwe Skrzypczak Der konzentrierte Tierbeobachter schaut mit den Augen und durch sein Fernglas, kann dabei die gesamte Verhaltensszenerie direkt im Auge behalten oder auch Ausschnitte durch sein Fernglas betrachten. Hier ist das direkte Erleben vorrangig, nicht das spätere Bild auf dem Monitor oder als Papierabzug. Bei besonders schönen oder interessanten Szenen wird er zur Kamera greifen und auch auf diesem Weg eine Menge schöner Bilder mit nach Hause bringen.

Der Tierbeobachter kann zu fast jeder Jahreszeit in Tierparks und Wildschutzgebiete fahren, kann dabei günstige Pauschalarrangements in Anspruch nehmen und wird am Ende durch einen hohen Erlebniswert und auch viele schöne Fotos belohnt.

Beim Wildlife-Fotografen tickt alles anders und viel präziser. Ein Wildlife – Fotograf plant seine Fotos, studiert die Tierart, die er fotografieren will, in ihrem Verhalten und passt seinen Tagesablauf – so weit dies möglich ist – dieser Tierart an. Er beobachtet mit seiner Kamera, muss ständig mit seinen Augen zwischen dem wenige Grad kleinen Blickfeld seiner Teleoptik und dem gesamten Geschehen wechseln. Er muss sich auf den einen wesentlichen Ausschnitt des Geschehens konzentrieren und dabei die Kameraeinstellparameter ständig im Griff haben.

Ich bereite mich auf jede Reise extrem gut vor, hole Erkundungen über das Habitat der zu fotografierenden Tiere, ihre Wanderungs- oder Verhaltenszyklen im Jahresverlauf und die Aufnahmebedingungen vor Ort ein. Oder einfacher gesagt: Ich versuche – zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort – zu sein.

Einige Ihrer Blog-Einträge spiegeln auch die Sorge um die Erhaltung von Lebensräumen und Arten wider. Welchen Einfluss messen Sie Ihrer Arbeit in dieser Hinsicht bei?

Foto: Uwe Skrzypczak Ich schreibe meine Bücher erstrangig, um ein klein bisschen dazu beizutragen, dass uns allen die Serengeti und die Masai – Mara noch lange erhalten bleibt, also um die Leser mehr für Ostafrika zu begeistern.

Meine Kinderbücher erzählen reich bebildert vom Aufwachsen und Leben der wichtigsten Wildtiere Afrikas, um die Kinder dafür zu begeistern, dass vielleicht einige von ihnen als Erwachsene zum zukünftigen Erhalt der Serengeti und der Masai – Mara beitragen werden.

In meinen Blog-Einträgen sehe ich eine weitere Möglichkeit auf die Problematiken vor Ort aufmerksam zu machen und wiederum eine gewisse Begeisterung bei Menschen auszulösen. Zum Bespiel in Kenia gibt es nur noch 2000 frei lebende Löwen, jährlich um etwa 100 abnehmend, das heißt, der Löwe ist dort in 15 bis 20 Jahren ausgestorben, wenn wir nichts für seinen Erhalt tun. Dabei muss jeder Einzelne mit seinen Möglichkeiten etwas dazu beitragen und ich versuche es mit meinen Fotos und meinen Büchern. Messen kann ich dabei meine Arbeit nicht, aber zurücklehnen und nichts zu tun, wäre auch nicht meine Lebenseinstellung und dabei hoffe ich eben, immer weitere Menschen mit der Begeisterung für Afrika und der Erhaltung der Lebensräume und Arten anzustecken.

Trägt der Foto-Tourismus, zum Beispiel in Kenia oder Namibia, Ihrer Meinung nach eher zur Zerstörung oder zum Erhalt der natürlichen Lebensräume bei?

Ich kann dazu nur über Kenia und Tansania etwas sagen, da ich in Namibia noch nicht vor Ort war. Der Tourismus bleibt die erste Einnahmequelle dieser Länder und damit auch die Quelle die Ihren Teil zum Erhalt der Serengeti und Masai – Mara beiträgt. Aber es gibt eben auch andere Situationen, wo Menschen (Touristen) in die natürlichen Lebensabläufe, nur wegen Sensationslust eingreifen.

Im Februar dieses Jahres war ich 3 Wochen in der Zentralserengeti vor Ort, um die Geburten der Gnus zu fotografieren und dabei hatte ich folgendes Erlebnis:

Foto: Uwe Skrzypczak Ich war nachmittags am Lake Masek, einige Kilometer östlich unserer Lodge unterwegs, in einem Gebiet wo die Tse Tse Fliege und die Malaria Mücke immer zuhause ist. Die normalen Touris verziehen sich wegen Malaria oder der Schlafkrankheit immer sehr schnell aus diesen Gebieten. Einige Gnus zogen bereits zurück auf die Plains. Am frühen Abend fanden wir ein etwa zwei Tage altes, am Seeufer kauerndes Gnukalb. Umringt von einigen Touristenfahrzeugen hockte es dort quäkend und zitternd. Wahrscheinlich sind die Fahrzeuge in die Gnuherde hinein gefahren und haben es dabei von der Mutter getrennt. Es hat keine Chance zum Überleben. Andere Gnukühe würden es sofort verscheuchen, denn anders als Elefanten ziehen Gnu`s nur den eigenen Nachwuchs auf.

Als die Fahrzeuge weg waren, haben wir aus rund 100 Meter Entfernung einige Fotos vom Kälbchen gemacht. Wissend, dass es schnell gehen muss, sonst versucht das Kälbchen, von unserem Auto als Ersatzmutter adoptiert zu werden. Weil mein Kollege etwas technische Probleme hatte, und wir darum zwei Minuten stehen blieben, kam es dann auch genauso. Es stürmte voll Speed auf den Wagen zu, und quäkte ihn an. Als dieser Adoptionsversuch scheiterte, kam es am ganzen Körper zitternd an mein Fenster und bettelte mich quäkend und mit ganz großen Augen um Milch an. Ich konnte nichts tun und nur hoffen, dass es in der Nacht einen schnellen Tod durch ein Raubkatze findet und nicht bei lebendigem Leib von Hyänen zerfetzt wird. Ich habe in all den Jahren so viele Tiere und Tierbabys in der Savanne sterben sehen, aber dieses Erlebnis hat mich doch sehr stark mitgenommen. Am meisten wohl, weil es wieder einmal nur durch die Sensationslust der Menschen verursacht wurde.

Zu meinen Erlebnissen in der Serengeti habe ich dieses Jahr ein Tagebuch geführt, um viele Menschen immer life daran teilhaben zu lassen. Auf viele Bitten hin, habe ich dieses per Free PDF nun auf meiner Website www.serengeti-wildlife.com zum kostenlosen Download.

Lohnt es sich für einen Hobby-Fotografen überhaupt, sich mit dem Thema “Wildlife-Fotografie” zu beschäftigen, auch wenn er sich eine Afrika-Reise vielleicht nur alle paar Jahre leisten kann?

Foto: Uwe Skrzypczak Aber selbstverständlich, das beste Beispiel durfte ich bei meinem Workshop im März in der Masai – Mara erleben. Dabei waren Teilnehmer, die das erste Mal vor Ort in Afrika waren und nun meinen Wildlife Fotografie Workshop gebucht hatten. Sie hatten sich bereits schon etwas mit der Fotografie beschäftigt, aber noch nicht Wildlife und nicht Afrika. Nach dem Ende des einwöchigen Wildlife Fotografie Workshop, kamen 50 % der Teilnehmer auf mich zu und fragten „Uwe wann machst Du den nächsten Workshop, wir wollen wieder mit“.

Die Hauptattraktion der Massai-Mara ist neben den Raubtieren die in der Regel im Juli einsetzende Migration, die Zuwanderung der gewaltigen Huftierherden aus der Serengeti. Die Überquerung des Mara-Rivers durch die Huftierherden, die sogenannten „River-Crossings“ mit manchmal mehr als 100.000 Tieren, ist eines der atemberaubendsten Naturschauspiele, die es auf der Erde gibt. Nicht zuletzt deshalb gehört die Great Migration zu den neuen Sieben Weltwundern der Erde.

Eine Reise in das Serengeti-Ökosystem ist aber auch eine Reise zurück zum Ursprung der menschlichen Rasse. Dieses Gebiet des großen afrikanischen Grabenbruchs gilt heute wissenschaftlich anerkannt als die Wiege der Menschheit.

Foto: Uwe Skrzypczak Es ist eines der Reservate mit der höchsten Tierdichte unserer Erde. Es ist ein Mikrokosmos, in dem fast alle bekannten afrikanischen Raubtiere und Großsäuger vorkommen. Löwen, Leoparden, Geparde, Nashörner, Elefanten, Büffel, Giraffen, Krokodile, Gazellen und Antilopen. Dazu kommen die riesigen Gnu- und Zebraherden, die ganzjährig das Gebiet durchstreifen.

Selbst Wildhunde, die dort durch die Hundestaupe ausgerottet waren, sind neuerdings wieder in der Serengeti vor Ort, ich konnte Sie am 05.03.2010 nach 20  Jahren wieder in der Serengeti fotografieren, so einen Glücksfall hat man als Fotograf vermutlich nur einmal im Leben. Es war dieser berühmte »one moment in Time«.

Die Frage nach dem lohnen brauche ich nun wahrscheinlich nicht mehr zu beantworten, wer diese Naturschauspiele und Afrika einmal erlebt hat, den wird das Afrika-Virus befallen und er wird immer und immer wieder nach Afrika kommen.

Uwe Skrzypczak hat dankenswerter Weise zu diesem Interview eine Reihe seiner Fotos zur Verfügung gestellt. Alle Rechte daran liegen weiterhin bei ihm.

Foto: Uwe Skrzypczak

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Foto: Uwe Skrzypczak

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