Politiker und Prominente, die in kompromittierenden Situationen fotografiert wurden, fürchten die Macht des Bildes. Aber auch jeden anderen kann sie treffen – und im schlimmsten Fall sein Leben vernichten. Ging es in den vorhergehenden Folgen von Copy-Wrong um juristische Fallstricke und die klammheimliche Enteignung von Foto-Enthusiasten, wird es dieses Mal noch ein ganzes Stück persönlicher: Fotos, selbst auf den ersten Blick ganz harmlose, werden in den Händen böswilliger Zeitgenossen zur Waffe. Wenn Ihnen jetzt der eine oder andere Steven Seagal-Streifen durch den Kopf geht, sei Ihnen gesagt: Es geht auch ohne Kampfsportausbildung. Der Klassiker, jemanden erst in eine verfängliche Situation zu bringen, und ihn (oder sie) dann darin zu fotografieren, ist eher etwas für den konservativen Kleinkriminellen und kann leicht nach hinten los gehen. Es gibt einfachere und wirksamere Wege. Und die Verletzung von Urheber- und Persönlichkeitsrechten ist hier noch das geringste Übel.
Die drei im folgenden beschriebenen Vorgehensweisen wurden und werden von Kriminellen eingesetzt, um das Ansehen, das Berufs- und Familienleben und sogar die Psyche ihrer Opfer zu schädigen oder zu zerstören. Die Opfer solcher Kampagnen haben nur geringe Chancen, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen – mitunter wissen sie nicht einmal, warum ihre Umwelt sich ihnen gegenüber plötzlich anders verhält. Wer sich als Opfer der beschriebenen Machenschaften wiedererkennt, sollte unbedingt juristische und psychologische Hilfe in Anspruch nehmen – so lange es noch geht…
Die Suchmaschinen-Schmutzkampagne
Immer wieder gibt es Nachrichten, die über längere Zeit für großes Aufsehen sorgen: Korruptions-Skandale, spektakuläre Gefängnisausbrüche, das Auffliegen von Pädophilen-Ringen, die Ölpest im Golf von Mexiko. Auf solche aufmerksamkeitsstarken Nachrichten stürzen sich Internetbetrüger wie Fliegen auf einen Kuhfladen – auch, um Verleumdungskampagnen zu initiieren. Eine Reihe von Fotos, auf denen das künftige Opfer klar erkennbar ist, einige anonym eingerichtete Nutzerkonten bei Flickr und Co., und der Stein kommt ins Rollen: Die Kriminellen laden die Fotos ihrer Opfer auf diese Plattformen und nehmen in den Bildunterschriften und Tags auf das konkrete aktuelle Ereignis Bezug. Tags wie “bestechlich”, “Fluchthelfer”, “Kinderschänder”, “nachlässiger Techniker” samt dem Namen des Fotografierten sorgen dafür, dass Dritte nicht mehr daran zweifeln, hier einen der Übeltäter vor sich zu haben. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Redakteure der schlechteren Boulevardpresse auf diese Fotos stoßen – mit etwas “Glück” erscheint das Foto des Opfers mit voller Namensnennung und unter einer knackigen Überschrift in einem oder mehreren dieser Blätter. Das Opfer ist damit mindestens in seiner Nachbarschaft und seinem Bekanntenkreis erledigt. Sollten Sie nun der Meinung sein, “Das dürfen die nicht”, sei Ihnen gesagt: “Das wissen die. Und das ist denen egal.” – Aber selbst, wenn die Redakteure etwas mehr Sorgfalt walten lassen, sieht sich das Opfer plötzlich als Recherche-Ziel, erhält mehr als einmal unerwarteten Besuch, ebensolche Anrufe, und soll “investigative” Fragen beantworten. Beziehen die recherchierenden Journalisten dann auch noch Familie, Bekannte und Arbeitgeber in ihre Recherchen ein, kann das für den Betroffenen existenzbedrohende Folgen haben, auch wenn am Ende nichts über ihn in der Zeitung steht.
Ab zur Al-Qaida
Gelingt es dem Angreifer, sein Opfer mit einer terroristischen Vereinigung in Verbindung zu bringen, hat er schon gewonnen. Terror-Verdächtige sind heute das, was im Mittelalter der Hexerei Verdächtige gewesen sind: Schutzlos behördlicher Willkür ausgeliefert. Im letzten Jahr wurden in Deutschland anlässlich des Oktoberfests zwei gläubige Muslime in Haft genommen und bis zum Ende des Massenbesäufnisses festgesetzt, obwohl ihnen definitiv keine Straftaten vorgeworfen werden konnten. Und dabei hatten sie noch Glück, dass sie nicht von CIA-Mitarbeitern auf eine Reise ins Ungewisse mitgenommen wurden.
Um eine solche Verbindung herzustellen, genügen einige Fotos, auf denen das Opfer im Original zu sehen ist: Facebook, Flickr, selbst geschossene Handy-Fotos und ganz normale Freizeitaufnahmen (in der Regel handelt es sich bei den Opfern ja um Bekannte), erweisen sich als ergiebige Quellen. Außerdem benötigt der böswillige Verleumder eine Reihe von Fotos (aus dem Internet), auf denen echte Terroristen posieren, die eine relative Ähnlichkeit zu dem Opfer aufweisen – da diese bei Aufnahmen in Terrorcamps gern teilweise vermummt vor die Kamera treten, muss diese Ähnlichkeit nicht einmal all zu groß sein. Nun legt der Angreifer im Namen seines Opfers ein paar Konten bei Social Communities an: Flickr, die Picasa Webalben, aber auch Facebook, eignen sich trefflich. Hier lädt er die gesammelten Fotos hoch, füllt die Profile mit überwiegend harmlosen, plausiblen Informationen, und ergänzt diese um ein paar religiös-philosophische Betrachtungen und einen “Kampfnamen”, sowie eine kurze, möglichst nicht genau datierte, Schilderung eines Zusammentreffens mit einem der prominenteren Al Qaida-Führer. Ist die Fälschung plausibel, kann sich das Opfer der Aufmerksamkeit so bedeutender Organisationen wie des BKA, des BND, des Verfassungsschutzes, der CIA oder des Mossad gewiss sein.
“Ich kenne dich, aber du mich nicht”
Die dritte Variante, mit der Opfer vor allem psychisch ruiniert werden, ist unter Stalkern und ähnlich gelagerten Geisteskranken beliebt, wird mitunter aber auch von Kriminellen eingesetzt, um Geld zu erpressen. Presse und Behörden bleiben bei dieser Variante außen vor: Alles, was der Angreifer benötigt, ist ein einziges, heimlich aufgenommenes Foto des Opfers aus neuerer Zeit, und dessen E-Mail-Adresse. Über einen anonymen Zugang schickt der Stalker seinem Opfer nun dieses Foto per E-Mail, begleitet von einem netten Schreiben wie “Wir werden für immer zusammen sein”, oder “Ich bin ganz in deiner Nähe”. Die psychischen Folgen sind verheerend, vor allem, wenn die Aufnahme offenbar in den eigenen vier Wänden des Opfers gemacht worden ist.
In den vergangenen Jahren haben Kriminelle wiederholt diese Methode genutzt, um hohe Geldsummen zu erpressen. Im Text der E-Mail gab sich der Absender dann als Berufskiller aus, der damit beauftragt sei, den Empfänger zu töten. Da er ihn aber schon eine Zeit lang beobachte, habe er sich entschieden, von dem Auftrag zurück zu treten – vorausgesetzt, das Opfer sei bereit, ihm sein “entgangenes Honorar” zu ersetzen.
Einziger Schutz: Wachsamkeit
Grundsätzlich kann jederzum Opfer solcher Anschläge werden: Personen, die im öffentlichen Leben stehen, eine schmutzige Trennung hinter sich haben, oder bei der Beförderung einem missgünstigen Kollegen vorgezogen wurden. Präventiv lässt sich nur wenig dagegen tun – aber nicht nichts: Wer wissen möchte, ob, und in welchem Zusammenhang, sein Name im Internet fällt, kann sich unter http://www.google.com/alerts per E-Mail benachrichtigen lassen, so bald das geschieht. Je zeitiger er davon erfährt, desto schneller kann er dann auch reagieren.
Im Fall von Bedrohung oder Stalking per E-Mail ist das Löschen dieser E-Mail übrigens die denkbar schlechteste Idee: Mit etwas Glück können Ermittlungsbeamte die digitalen Spuren der Täter zurück verfolgen. In Deutschland ist auch Stalking inzwischen eine mit Gefängnis bedrohte Straftat.






