”Ein gutes Foto entsteht im Kopf” – diese Behauptung ist so oft zu hören und zu lesen, dass es sich in jedem Fall lohnt, einen Blick hinter jene Stirnen zu werfen, die für das Ausbrüten von Fotos verantwortlich zeichnen. Die Serie “Auf der Knipser-Couch” nimmt deshalb die psychologische Dimension des Fotografierens ins Visier. Der despektierliche Begriff “Knipser” ist mit Bedacht gewählt: Ihnen als ausgewachsenem Fotografen fällt es so leichter, die nicht immer schmeichelhaften Betrachtungen nicht all zu sehr auf sich selbst zu beziehen – Knipser sind schließlich immer nur die anderen.
Die Bedürfnispyramide
Menschen tun, was sie tun, weil es ihnen – auf die eine oder andere Art – ein Bedürfnis ist. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat die menschlichen Bedürfnisse als fünf Stufen einer Pyramide dargestellt, die aufeinander aufbauen: Sind die Bedürfnisse einer Stufe befriedigt, wird damit die Motivation geschaffen, sich der Bedürfnisse der nächsthöheren Stufe anzunehmen. Moderne Psychologen kritisieren das Modell als zu stark vereinfachend, aber es eignet sich immer noch durchaus, um zu erklären, wie Menschen – zu denen Knipser ja nun einmal gehören – ticken.
Die unterste Stufe: Ein schöner Anblick
Die grundlegendsten Bedürfnisse des Menschen sind physiologischer Natur: Essen, Trinken, Schlafen – und natürlich auch wohltuende Anblicke. Blumen im Fenster, Bilder an den Wänden, eine nicht bloß bequeme, sondern auch optisch ansprechende Wohnungseinrichtung, gut aussehende PartnerInnen, Urlaube in landschaftlich sehenswerten Gegenden, und vieles mehr tut der Mensch, um seinen Augen das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Auf der untersten Stufe der Bedürfnispyramide benötigt der Knipser noch keine Kamera.
Die zweite Stufe: Sehenswertes für die Zukunft bewahren
Sind die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt, sorgt sich der Mensch um die Absicherung des Erreichten. Er will das, was er seinen Augen heute bieten kann, für die Zukunft bewahren – und kauft sich deshalb spätestens jetzt eine Kamera. Im Bild hält er fest, was für ihn sehenswert ist: Die Menschen, die ihm etwas bedeuten, sehenswerte Landschaften, herausragende Erlebnisse, anspechende Bauwerke. Die Qualität der Bilder ist zunächst zweitrangig, es sind die Inhalte, auf die es dem Knipser in dieser Stufe ankommt. So manches Foto, das Profis schlicht als “Ausschuss” bezeichnen würden, empfindet der Knipser subjektiv als Meisterwerk: Er hat, und darum geht es in dieser Stufe, Unwiederbringliches für alle Zeiten in Bilder gebannt, die er jederzeit wieder betrachten kann, auch wenn die Dinge und sogar die Menschen, die darauf zu sehen sind, längst nicht mehr existieren.
Die dritte Stufe: Ab in die Community
Wer seine physiologischen Bedürfnisse befriedigt und abgesichert hat, entdeckt nun seine sozialen Bedürfnisse, den Wunsch nach Zugehörigkeit. Die auf der zweiten Stufe geschaffenen Meisterwerke will der Knipser nun mit anderen teilen. Dazu tritt er einer lokalen Fotogruppe bei oder gründet selbst eine, engagiert sich auf Flickr oder in einer anderen Fotocommunity und bemüht sich dort, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen – oder auch innige Feindschaften aufzubauen (die Freundschaften manchmal gar nicht so unähnlich sind). Die Akzeptanz der Gruppe ist dem Knipser auf dieser Stufe wichtig: Wenn einer der Platzhirsche in der gewählten Community sagt: “Spring!”, fragt der Knipser “Wie hoch?”
Die vierte Stufe: Mehr als nur Akzeptanz
Wer seinen Platz in einer Gemeinschaft gefunden hat, möchte dort nicht als geduldeter Hinterbänkler verharren. Er will auch selbst einmal “Spring!” sagen und hören, wie ein Neuling ihn fragt “Wie hoch?” – er will zum Platzhirsch werden. Maslow beschreibt diese Stufe als das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung, oder vereinfacht, als Statusbedürfnis. Spätestens jetzt kauft sich der Knipser eine bessere Kameraausrüstung, nimmt an an Fotokursen für Fortgeschrittene teil oder bietet gleich selbst Fotoworkshops an. Vielleicht nimmt er seine erste Fotoausstellung in Angriff oder beginnt damit, ein Fotoblog zu veröffentlichen. Anerkennung und Wertschätzung in angestrebtem Maß zu erhalten, nimmt oft viel Zeit in Anspruch.
Die höchste Stufe: Ich knipse, also bin ich
Anerkennung und Wertschätzung reichen irgendwann nicht mehr aus: Der Knipser, der inzwischen einige fotografische Erfahrung hat, entdeckt früher oder später etwas, das er als eine wahre Berufung wahrnimmt. Auf dieser Stufe regiert das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung – das kann dazu führen, dass er seine teure Spiegelreflexausrüstung verkauft, sich eine Lomo anschafft und eine eigene Dunkelkammer einrichtet. Es kann dazu führen, dass er sich auf ein fotografisches Sujet spezialisiert, ob es nun Akt, Architektur oder Makrofotografie heißt. Von jetzt an strebt er nach seinem ganz persönlichen “perfekten Foto”, seinem heiligen Gral. Und den wird er suchen, so lange seine Finger einen Auslöser drücken können.









AMEN!
Hab ich noch nie drüber nachgedacht, aber es stimmt!
THX!
Die Bedürfnispyramide ist ja eine ziemlich universelle Geschichte. Ich finde es ab und zu ganz spannend, mir klar zu machen, auf welcher Stufe ich mich in verschiedenen Bereichen meines Lebens jeweils befinde – aber das ist natürlich privat