Denken Sie schwarzweiß? Selbst wenn das so wäre, Sie würden es ungern zugeben, versteht man unter einem Schwarzweiß-Denker doch im allgemeinen jemanden, der dazu neigt, komplexe Sachverhalte all zu stark zu vereinfachen, und dem es an der Fähigkeit fehlt, Nuancen differenziert wahrzunehmen – für ihn gibt es nur schwarz oder weiß, gut oder böse, schön oder hässlich. “Apple und Nikon sind Gottes Technik-Beauftragte, Microsoft und Canon die des Teufels”, das ist ein Satz, an den ein Schwarzweiß-Denker zum Beispiel glauben könnte.
In diesem und den folgenden Teilen der Serie soll es aber um eine andere Art des Schwarzweiß-Denkens gehen, bei der Nuancen durchaus ihren Platz haben, ja sogar unbedingt notwendig sind: Um den Farb-Verzicht bei der Fotografie, der übrigens nicht notwendig zu einer Reduktion auf schwarz und weiß führen muss.Volkstümlich werden allerdings auch die sepia-getönten Aufnahmen mit “Schwarzweiß-Fotos” gleichgesetzt – nicht ganz zu unrecht, beruht die Sepia-Charakteristik sehr alter Bilder doch oft auf der Wirkung, die die allgegenwärtige UV-Strahlung auf das Papier und Schwarzanteil ehemals schwarzweißer Aufnahmen gehabt hat.
“Das Leben ist in Farbe, aber Schwarzweiß ist realistischer”, lässt Win Wenders den Regisseur Samuel Fuller in seinem Film “Der Stand der Dinge” sagen – eine bedenkenswerte Aussage. Bis Anfang der siebziger Jahre war es üblich, schwarzweiß zu fotografieren. Aus einem einfachen Grund: Farbfilme waren bis dahin für das Gros der Bevölkerung auf Dauer zu teuer. Als endlich die Preise fielen, waren es nur noch wenige, die dem Schwarzweißfilm die Treue hielten.
Verzicht als Option
“Warum sollte ich schwarzweiß fotografieren?”, fragt mancher, der darin vor allem einen unnötigen Verzicht sieht. Und Verzicht ist Schwarzweiß-Fotografie in der Tat. Farbe kann als Gestaltungsmittel, als Blickfang, sogar als Motiv selbst dienen. Die Frage lautet also eigentlich “Warum sollte ich verzichten?” Wer jetzt pauschalisiert “Weil schwarzweiß einfach schöner ist”, vereinfacht die Betrachtung unzulässig (und ist damit ein Schwarzweiß-Denker im negativsten Sinne des Wortes). Warum verzichtet ein Cabrio-Fahrer auf ein festes Wagendach? Weil er bei schönem Wetter während der Fahrt den Wind in seinen Haaren und die Sonne auf seiner Haut spüren kann. Und wenn es regnet, dann schließt er sein Verdeck eben. Das gleiche trifft insbesondere auf die digitale Schwarzweiß-Fotografie zu: Sie schränkt den Fotografen nicht ein, sondern vergrößert seine Freiheit.
Wenn Motiv oder gewollte Bildaussage nach Farbe rufen, dann behält er die Farbe eben bei, doch wenn die Farbe verzichtbar wird oder sogar stört (etwa, weil eine leuchtend rote Nebensächlichkeit den Blick des Betrachters vom pastellfarbenen Hauptmotiv ablenkt), dann nimmt er sie aus dem Bild, so wie ein Cabriofahrer bei Wärme und Sonnenschein sein Verdeck öffnet. Natürlich kann ein Fotograf sich entscheiden: “Ich fotografiere nur noch in schwarzweiß”. Es gibt ja auch Cabrios, die sich gar nicht schließen lassen. Auf mittlere Sicht wird diese Entscheidung seine Art, an Motive heranzugehen, prägen: Er übersieht (oder eben “verzichtet auf”) die Farbe als Gestaltungsmittel, und konzentriert sich stattdessen vorwiegend auf Helligkeitsverläufe, Kontraste und grafischen Aufbau.
Doch eine solche Spezialisierung ist nicht die Regel: Wer der analogen Fotografie den Vorzug gibt, kann seine Entscheidung immerhin noch bei jedem Filmwechsel revidieren. Der Digitalfotograf hat bei jeder Aufnahme die Wahl, sie farbig oder monochrom zu gestalten. Ihm bietet sich eine unüberschaubare Fülle an Möglichkeiten, Fotos entweder gleich schwarzweiß aufzunehmen, oder ihnen nachträglich die Farbe zu entziehen. Dazu mehr in den kommenden Folgen.







One Comments to “Schwarzweiße Gedanken – Teil 1: Der wohlüberlegte Verzicht”
[...] ersten Teil dieser Serie ging es um grundsätzliches zur Schwarzweißfotografie als Erweiterung des [...]