“7km – Field of Wonders” ist ein Bildband der anderen Art: Keine atemberaubenden Landschaften, keine wohlüberlegten Posen, und nur selten einmal strahlend blauer Himmel: Kirill Golovchenko (www.kirillgolovchenko.com) will mit seinen Aufnahmen keine neue Wirklichkeit schaffen, er will sie bloß zeigen: Bunt und vielfältig, aber eben auch rauh und ungeschminkt.

Sieben Kilometer vor den Toren Odessas in der Ukraine befindet sich der größte Marktplatz Europas. Der älteste Teil des Marktes trägt den Namen »Feld der Wunder«. Früher baute man hier Weizen an, außerdem befand sich hier die Müllverbrennungsanlage, dann entstand nach und nach ein “Einkaufszentrum”, wie es wohl kein zweites gibt. »7km« ist fast zehn Mal größer als das »Centro« in Oberhausen und fast doppelt so groß wie die berühmte »Mall of America« im amerikanischen Bloomington. Die meisten Geschäfte hier sind weder in Gebäuden noch in Kiosken untergebracht. Vielmehr befinden sie sich in unzähligen Reihen aufeinander gestapelter Schiffscontainer, 16.000 an der Zahl.

“Es herrschen frühkapitalistische Zustände”, erklärt Kirill Golovchenko in seinem Buch. “Das zeigt sich insbesondere an den Arbeitszeiten, die den Beschäftigten viel abverlangen. Man muss sehr früh aufstehen und bis weit in den Abend bleiben. Oder die ganze Nacht.”

Für Golovchenko ist “7km – Field of Wonders” nicht bloß irgendeine Dokumentation, er selbst wurde 1974 in Odessa geboren. Von 2002 bis 2007 studierte er Kommunikationsdesign an der Hochschule Darmstadt, bei der Wahl seines Diplom-Projekts besann er sich seiner Herkunft – dennoch war das Fotografieren vor Ort für ihn alles andere als ein Spaziergang, wie das nachstehende Interview zeigt.

Mit seiner Dokumentation hat Golovchenko ein Zeitzeugnis geschaffen: Die Vielzahl seiner ungestellten Momentaufnahmen lässt in der Zusammenschau lebendig werden, was das Feld der Wunder ausmacht – oder besser, ausgemacht haben wird, denn mit dem Ende der frühkapitalistische Phase in der Ukraine verändert sich zunehmend auch das Gesicht des “Einkaufszentrums” – und wer weiß, welche Wunder dieses Feld als nächstes bereit hält.

“Brille, Umhang, zwei große Russenkoffer und die Kamera in der Tasche” – Kirill Golovchenko über sein Projekt

Im Nachklapp bedanken Sie sich mit den Worten, mit der Veröffentlichung des Buches sei ein Traum für Sie Realität geworden. Welche Vision hatten Sie, als Sie das Projekt in Angriff genommen haben?

Foto: Kirill Golovchenko »7km« ist mein Diplom-Projekt gewesen. Zuvor im Studium hatte ich schon die Erfahrung, ein Buch zu machen, aber im Alleingang noch nie. Außerdem ist es zeitlich schwierig in einem Semester, das weniger als vier Monate dauert, ein Thema zu fotografieren und dazu noch ein Bildband fertig zu stellen. In meiner Unerfahrenheit habe ich es mir leichter vorgestellt, als es letztendlich gewesen ist. Ich wollte etwas machen, was mit meiner Herkunft zu tun hat und ein Höhepunkt meines Studiums sein sollte. Außerdem wollte ich von Anfang an das Buch auch verlegen. Ich hatte in meinen Bekanntenkreis einen Fotografen der es mit seiner Diplomarbeit geschafft hat.

Auf den ersten Seiten zitieren Sie “Wenn man daran denkt, dass aus den Münzen morgen tausend oder zweitausend geworden sein könnten! Warum säst du sie nicht auf dem Feld der Wunder?” aus Pinnocchios Abenteuern. Mit diesem Versprechen versuchen Betrüger (letzlich erfolgreich), Pinocchio um sein Geld zu bringen. Wen sehen Sie als Fuchs, Kater und Pinocchio auf dem “Feld der Wunder”, das sieben Kilometer vor den Toren Odessas liegt?

Foto: Kirill Golovchenko Dieses Epigramm habe ich aus verschiedenen Gründen genommen. Früher stand auf diesem Platz eine Mühlverbrennungsanlage, heute wird auf gleichem Platz das Geld »geschaufelt« – 20.000.000 US-Dollar Umsatz am Tag. »Feld der Wunder« heisst auch ein kleineres Areal in 7km, womit das ganze angefangen hat. Warum dieser Platz »Feld der Wunder« heisst, erzählt man einiges: Zum Beispiel konnte man dort Sachen kaufen, die man sonst kaum irgendwo in der UDSSR kaufen konnte. Und zwar: Importwaren. Es war wie ein Wunder. Oder so: Früher, zu Anfangszeiten des Booms im 7km in den 90ern, kaufte jemand ein Kleidungsstück, zum Beispiel ein T-Shirt. Zu Hause stellte er fest, dass ihm nur die vordere Seite des T-Shirts verkauft wurde. Aber für den Preis eines ganzen. Auch wie ein Wunder. Es gibt noch viel schlimmere Beispiele: Menschen wurden dort am hellichten Tag ausgeraubt, weil sie die Dollars in die nationale Währung umtauschen wollten. Dafür gab es viele inoffizielle Wechselstuben oder besser gesagt, Wechseltische. Als jemand aber das Geld umtauschen wollte, kamen mehrere durchtrainierten Männer, fielen über einen her, beraubten ihn, verprügelten ihm und dann verschwanden sie im Nichts. Man hat früher gesagt: Auf dem »Feld der Wunder« kann dir alles passieren. Früher sind die Diebe Fuchs und Kater gewesen. Heute sind es diejenige, die dort andere Menschen schuften lassen. Aber für viele Menschen, die dort arbeiten, ist es ein Traum, in einigen Jahren überdurchschnittlich zu verdienen. Dieser Traum ist auch für manche Leute Realität geworden.

Welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten sind Sie beim Fotografieren begegnet, und wie haben Sie sie gemeistert?

Foto: Kirill Golovchenko Zuerst ist es eine Herausforderung, im 7km ungestört fotografieren zu dürfen. Wenn man die Kamera auspackt, wird man bald vom Sicherheitspersonal oder der Polizei gefragt, ob es eine Erlaubnis dafür gibt. Dann wird man zum Polizeirevier gebracht. Oder zum Sicherheitschef und dann zur Polizei. Nach einigen Aufenthalten auf dem Polizeirevier hatte ich mit sehr viel Mühe ein Erlaubnis »besorgt«. Aber auch damit ist es noch nicht alles. Man wird ständig überprüft, die Daten werden per Funk weitergeleitet. Dann wurde ich zurückgefragt wie mein Name sei. Wenn es übereinstimmte, durfte ich weiter gehen.

Zwei kleine Geschichten möchte ich erzählen. Ich war nachts im 7km unterwegs und blickte in ein Container-Geschäft hinein. Drin sah ich eine hübsche Frau, die mir bekannt vorkam. Sie sagte nichts und blinzelte kaum, eher gar nicht. Es war Beyoncé auf einem großen Strandtuch. Vor ihr saßen drei Chinesen und zählten ihr Geld. Schnell machte ich ein Bild bevor es sich verflüchtigte. Einer der Männer maulte, wieso ich nicht gefragt habe, ob ich ein Foto machen dürfe. Ich erwiderte: »Weil Du es mir nicht erlaubt hättest«. Dann haben wir ein paar Sätze getauscht, nichts böses, ich ging. Tags darauf teilte mir das Sicherheitspersonal mit, dass ich im 7km keine Bilder mehr machen darf. Jemand hatte sich bei der Polizei beschwert, ich spioniere Händlern nach, fotografiere sie beim Geldzählen und verprügele sie. Nun hatte ich ein Problem: Die Sicherheitsleute kannten mich.

Um weiter zu fotografieren, musste ich mich tarnen – Brille, Umhang, zwei große »Russenkoffer«, die Kamera in der Tasche. Heute möchte ich nicht daran denken, was mir passiert wäre, wenn sie mich entdeckt hätten. Ich bin sehr froh, dass ich nicht aufgegeben habe. Sonst hätte ich wahrscheinlich das Bild mit dem Tiger und dem Auto nicht gemacht. Es war Nachmittag kurz vor dem Marktschluss. Ich ging auf einen bereits leeren Parkplatz. Tagsüber stehen dort Autos. Und am Rand des Parkplatzes wird verkauft. Plötzlich sah ich einen Tiger und erschreckte mich, da ich dachte er sei echt. Obwohl ich auf einer offener Stelle stand und das Sicherheitspersonal mich leichter als sonst entdeckt hätte, wollte ich dieses Bild festhalten. Ich habe einen Zeitpunkt erwischt, wo ich glaubte, dass mich keiner beobachtet und drückte ab. Da habe ich mich wie ein Jäger gefüllt, der die Beute erlegt!

Foto: Kirill Golovchenko

Wie viel Zeit haben Sie mit der Kamera auf dem Feld der Wunder verbracht?

Ich habe mir 2006 die Fotografieerlaubnis besorgt und zwei Tage dort fotografiert. Jedoch war ich mit dem Ergebnis sehr unzufrieden. Zu weit und zu allgemein waren die Bilder. Zurück in Deutschland habe ich mir überlegt, wie ich in diesem Chaos meine Bilder »einfangen« kann. Daraufhin, 2007, habe ich zuerst 2-3 Wochen dafür geplant, die Arbeit zu fotografieren. Daraus wurden zwei Wochen, wobei ich eine Woche aus dem Versteck fotografiert habe. Ich hatte das gute Gefühl, genug Bilder zu haben. 2008 war ich wieder für drei Tage im 7km – die Zeitschrift Mare hat meine Bilder gekauft und ich sollte der Autorin, Angelika Overath helfen. Ich habe die Interviews organisiert und übersetzt, sie hat den Text für den Mare-Artikel geschrieben, der im August 2009 in Mare (Mare Nr. 75) zusammen mit meinen Bildern erschienen ist. Jedoch habe ich kaum Bilder machen können, da uns das ganze von dem Besitzer des 7km verboten wurde.

Wie viel Zukunft geben Sie dem Feld der Wunder noch?

Der 7km ist schon längst veraltet. In Odessa und auch in der Nähe des 7km gibt es schon länger moderne Geschäfte. Aber es gibt gewisse Kräfte, die daran interessiert sind, dass dieser Markt besteht. Es gibt auch weitgehende Pläne der Modernisierung des 7km. Die Container sollen weggeschafft werden und an deren Stelle werden Pavillons gebaut. Das ist schade. Im wahrsten Sinne des Wortes ist 7km ein Original. Wenn es nach mir ginge, würde ich daraus ein Museum des Frühkapitalismus machen.

Foto: Kirill Golovchenko Kirill Golovchenko: 7 km – Field of Wonders
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Snoeck (23. Oktober 2009)
Sprache: Deutsch, Englisch
ISBN-10: 3940953318

Verwandte Artikel