gepaeck Neulich, irgendwo in Deutschland:  Hendrik C. (Name von der Redaktion erfunden) packt seine Reisetasche. Drei T-Shirts, eine Badehose, seine Schalke-Fankappe mit Bierdosenhalter, ein Badetuch, eine Flasche Sonnencreme. Alles, was ein Mann braucht. Als er das letzte T-Shirt aus dem Schrank nimmt, fällt sein Blick auf dessen Aufdruck: Dort ist eine Spiegelreflexkamera abgebildet, darunter der Schriftzug “Official Swimsuite Model Photographer”. Na ja, Platz für die Kamera, einst seine liebste Begleiterin, wäre schon noch im Gepäck…

Es gibt immer Gründe, die dagegen sprechen, seine Kamera mit in den Urlaub zu nehmen. Deshalb sei an dieser Stelle zehn häufig genannten Argumenten auf den Zahn gefühlt.

1. Es könnte regnen, und die Kamera ist nicht wasserfest

Stimmt. Es könnte auch ein Vulkan ausbrechen, und die Kamera ist nicht lavafest. Oder ein Tiger, und die Kamera ist nicht bissfest. Wirklich eine blödsinnige Ausrede. Sie haben doch eine Kameratasche, oder? Wenn nicht: Die Dinger gibt’s zur Not noch auf dem Flughafen, im Fotozubehörladen Ihres Vertrauens, oder bei Amazon – also zum Beispiel hier. Und wenn Sie in eine wirklich nasse Umgebung reisen (zum Beispiel, wenn Sie auf einen Schwerwetter-Segeltörn durch die Biscaya aufbrechen), dann spendieren Sie Ihrer Kamera ein Unterwassergehäuse oder wenigstens einen Wasserschutz wie den hier. Gibt’s schon für unter 30 Euro.

Wirksame Schutzmaßnahmen gegen Tigerbisse und Vulkanausbrüche sind, zugegeben, nicht so leicht zu finden, aber am Ende sind Sie wahrscheinlich sogar froh, wenn der Tiger nur Ihre Kamera frisst und nicht Sie.

2. Die Kamera könnte gestohlen werden

Hallo? Sie verreisen! Natürlich könnte Ihre Kamera gestohlen werden. Und auch alles andere, was nicht niet- und nagelfest ist. Und wo werden die Diebe am ehesten zuschlagen? Dort, wo niemand ist, der auf Ihr Hab und Gut acht gibt. Also, wenn Sie verreist sind, wohl bei Ihnen zu Hause. Und denken Sie an die alte Motivationstrainer-Weisheit: “Ein Schiff ist am sichersten, wenn es im Hafen liegt. Aber dafür wurde ein Schiff nicht gebaut.” Wenn Ihnen Ihre Kamera lieb und teuer ist, sollten Sie sie also besser mitnehmen und im Auge behalten. Ihr Auge, das ist der Ort, an den Ihre Kamera gehört.

3. Das Gewicht der Kamera stört Sie

So so, erst wollen Sie gar keine Kamera mitnehmen, und jetzt behaupten Sie, ohne 400-Millimeter-Profi-Objektiv, erdbebensicheres Stativ und mobile Blitzanlage sei die Kamera sowieso witzlos. Wie viel wiegt eine Spiegelreflexkamera mit einem 35-105-Millimeter-Standardzoom? Zwei Kilogramm? Und wie viel bringen Sie auf die Waage? Wenn Sie nicht gerade unter Essstörungen leiden, specken Sie einfach zwei Kilogramm ab, und die Gewichtsbilanz stimmt wieder. Besitzer von Kompaktkameras sind hier im Vorteil: Die allenfalls 500 Gramm, die selbst größere Bridgekameras auf die Waage bringen, haben Sie doch schon wieder drin, wenn Sie einmal das Frühstück ausfallen lassen. Und wenn Sie auf Ihre Wechselobjektive nicht verzichten wollen, verteilen Sie das Gewicht doch mit Hilfe einiger Objektivköcher, die Sie zur Not auch an den Gürtel klemmen können.

4. Wo Sie hin wollen, ist das Fotografieren verboten

Ehrlich? Überall? Sie verbringen Ihren Urlaub also freiwillig in einem nordkoreanischen Straflager, einem iranischen Atomkraftwerk oder dem Pentagon? Sicher eine bereichernde Erfahrung, und wahrscheinlich würde man dort sogar eine Kamera in der Armbanduhr entdecken. Aber die Bilder, die Sie von dort mitbringen könnten, wären das Risiko wert, und Sie würden der Weltöffentlichkeit einen Dienst erweisen. War in Abu Ghraib eigentlich das Fotografieren erlaubt?  Gut, die Hoffnung, nach solchen Aufnahmen auch einmal ein paar Fotos der Herren Bush und Rumsfeld in Den Haag zu sehen zu bekommen, wird sich wohl nicht erfüllen, aber man wird ja noch träumen dürfen.

5. Sie haben vor Ort keine Möglichkeit, Ihren Akku aufzuladen

Wie lange, sagten Sie, wollen Sie verreisen? Sie haben das Geld für einen mehrwöchigen Segeltörn quer über den Atlantik, aber nicht für einen Zweit- und, zur Not, Dritt-Akku? Ja, irgendwann ist auch deren Kapazität erschöpft, und vielleicht ist die einzige Steckdose an Bord ja tatsächlich immer besetzt, weil der Skipper sein iPhone mit Strom versorgen will. Aber es gibt längst mobile Ladegeräte, die Sie bloß in die Sonne legen müssen, um Ihre Akkus aufzuladen. Und jetzt sagen Sie nicht, dort, wo Sie hinreisen, werde niemals die Sonne scheinen. Sonst schicke ich Ihnen nämlich sofort den Seelenklempner-Notdienst.

6. Andere könnten sich durch die Kamera gestört fühlen.

Nicht Kameras nerven Menschen, Menschen nerven Menschen. Nicht jeder mag es, fotografiert zu werden, aber wenn andere in Ihrer Reisegruppe oder an Ihrem Urlaubsort gereizt auf Sie reagieren, dann nicht wegen Ihrer Kamera, sondern wegen der Art, wie Sie damit umgehen: Strandschönheiten aus dem Hinterhalt abzuschießen, beim Captain’s Diner den Captain mit einem minutenlangen Blitzlichtgewitter zu blenden, durch offene Fenster in fremde Hotelzimmer zu fotografieren, das sind echte Sympathiekiller. Wenn die Menschen in Ihrer Umgebung grundsätzlich genervt reagieren, wenn Sie mit der Kamera auftauchen, dann sollten Sie vielleicht ein wenig an Ihrer Persönlichkeit arbeiten.

7. Wenn Sie die Kamera mitnehmen, lässt Ihre Frau sich scheiden

Das wäre natürlich schade. Aber, ganz ehrlich, wenn das bereits ein hinreichender Scheidungsgrund für Ihre Frau ist, dann steht es mit Ihrer Ehe nicht zum besten, und wahrscheinlich sammelt Ihre Herzensdame bereits Gründe, um Sie in die Wüste zu schicken. Sie können jetzt natürlich versuchen, Ihre Ehe zu retten, indem Sie ihren Wünschen grundsätzlich und immer nachgeben. Wissen Sie, was dann passiert? Richtig, sie verlässt Sie, weil Sie so ein Schluffi sind! Machen Sie lieber noch ein paar Erinnerungsfotos. Wenn Madame Sie dann tatsächlich sitzen lässt, veranstalten Sie als Rache mit dem missratensten Schnappschuss eine Blogparade unter dem Thema “schäbige Schabracken”. Kann sein, dass das teuer für Sie wird – aber eine Scheidung ist sowieso immer teuer.

8. Sie könnten für einen Touristen gehalten werden

Sie wissen hoffentlich selbst, wie schwach dieses Argument ist. Man wird Sie für einen Touristen halten, mit oder ohne Kamera. Sie fallen nicht bloß als kleines, korpulentes Bleichgesicht unter 25 hochgewachsenen Massaikriegern in einem Dorf in Kenia auf, sondern auch, wenn Sie als Deutscher durch die Straßen von London flanieren oder auch nur als Kölner Ferien in Buxtehude machen. Wenn Sie ernsthaft hoffen, in den Augen Ihrer Umgebung als alteingesessener Anwohner zu gelten, dann gibt es nur einen Ort, an dem das funktioniert: Bei Ihnen zu Hause.

9. Es gibt dort, wo Sie hinwollen, nichts sehens- oder gar fotografierenswertes

Davon würde ich mich gern selbst überzeugen, zeigen Sie doch einmal ein paar Fotos. Im Ernst: Wenn es dort nichts gibt, was sich anzusehen lohnt, warum wollen Sie dann dorthin? Im Zentrum eines schwarzen Loches sei das mit dem Licht so eine Sache, behaupten Wissenschaftler. Aber da werden Sie ja wohl nicht hin wollen (wie gesagt, falls doch, dann wird es Zeit für den Seelenklempner-Notdienst). Je weniger spektakulär Ihr Reiseziel, desto mehr ist Ihre Kreativität gefordert. Ihre Aufnahmen müssen nicht dem Massengeschmack entsprechen, Sie müssen sie nicht einmal jemandem zeigen – aber verzichten Sie nicht auf die Gelegenheit.

10. Sie haben kein Talent zum Fotografieren

Wer hat Ihnen das gesagt? Oh halt, ich weiß: Sie haben vor einiger Zeit ein paar Ihrer besten Aufnahmen in irgendeiner Fotocommunity vorgestellt. Den Löwen zum Fraß vorgeworfen, wäre wohl die bessere Wortwahl: In jeder Fotocommunity gibt es ein paar Meinungsführer – und einem davon ist Ihr Foto aufgefallen. Und weil er gerade in Oberlehrerstimmung war, eine Gallenkolik oder Krach mit seiner Frau hatte, sah er sich bemüßigt, ein paar Zeilen zu Ihrem Spitzenfoto zu schreiben. Sie haben den goldenen Schnitt nicht eingehalten, mit kleinerer Blende wäre der Hintergrund schärfer zu Geltung gekommen, Ihr Horizont kippt um ein halbes Grad nach links… Und dann, nachdem der “Löwe” gebrüllt hatte, kamen die Hyänen, und fraßen, was von Ihrem Selbstbewusstsein noch übrig war. Einer hat sogar mathematisch nachgewiesen, dass Ihre Aufnahmen farbstichig sind, auch wenn man das mit bloßem Auge nicht sehen könne. Und natürlich zeigt auch die Wahl Ihrer Kamera, dass Sie vom Fotografieren keine Ahnung haben.

Dazu drei Tipps: Zum ersten: Lernen Sie, destruktive von konstruktiver Kritik zu unterschieden. Zum zweiten: Lassen Sie sich nicht kritisieren, wenn Sie das gar nicht wollen. Niemand zwingt Sie, Ihre Fotos in einer Fotocommunity auszustellen. Zum dritten: Gehen Sie Ihren Weg. Selbst wenn Ihnen Andreas Feininger, Henri Cartier-Bresson und Jim Rakete persönlich erscheinen und völlige Talentfreiheit bescheinigen, legen Sie die Kamera nicht aus der Hand. Es ist Ihre Hand, es ist Ihre Kamera, es sind Ihre Bilder.

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