“Niemand kann zweimal in den selben Fluss steigen”, erkannte schon Heraklit. Das trifft zweifellos auch auf viele Aufnahmegelegenheiten zu: Oft gibt es keine Chance, das gleiche Motiv aus der gleichen Perspektive und unter auch nur annähernd gleichen Lichtverhältnissen erneut ins Visier zu nehmen. Doch gerade das lässt manchen erzittern – und prompt verwackelt die Aufnahme.
Nun ist zwar jeder einzelne Moment des Lebens unwiederbringlich, aber um manche ist es eben besonders schade. Und während eine Fehlbelichtung, ein Farbstich oder ein schiefer Horizont sich einigermaßen korrigieren lassen, stößt der Fotograf bei Verwacklungen schnell an die Grenzen der Bildbearbeitung. “Unscharf maskieren”, das Schärfen mit dem Hochpassfilter und ähnliche Methoden erhöhen im Allgemeinen den Kontrast im Bereich der Konturen. Bei Verwacklern sind eben diese Konturen jedoch defekt, was nach einer herkömmlichen Schärfung noch deutlicher hervor tritt.
Um Verwacklungs-Unschärfen zu beseitigen oder wenigstens zu verringern, gibt es eine Reihe spezieller Verfahren, die unter dem Begriff Dekonvolution zusammengefasst sind. Wer das Internet nach diesem Stichwort durchsucht, findet schnell eine Reihe entsprechender Programme – hier zwei davon:
Image Analyzer: Kostenloses Schweizer Taschenmesser für Foto-Nerds
Der Image Analyzer, den Windows-Nutzer kostenlos unter http://meesoft.logicnet.dk herunterladen können, ist ein Spezialwerkzeug, das rechenintensive Arbeiten wie adaptive Rauschunterdrückung, die Korrektur von Objektivverzerrungen oder eine statistische Bildanalyse ermöglicht. Wer sonst “Ein-Klick-Optimierern” den Vorzug gibt, wird sich wohl nicht so schnell mit dem Image Analyzer anfreunden, aber wer bereit ist, sich intensiver mit den verschiedenen Parametern zu beschäftigen, kann durchaus ansehnliche Ergebnisse erzielen. So “entwackeln” Sie damit Ihre Aufnahmen:
Öffnen Sie zunächst die verwackelte Aufnahme mit dem Image Analyzer, und rücken Sie einen Bildausschnitt in den Mittelpunkt, an dem die Verwacklung besonders deutlich hervortritt. Wählen Sie dann den Menüpunkt “Operations/Filters/Restoration by deconvolution…”. Im dann erscheinenden Dialog wählen Sie das Dekonvolutions-Modell “Motion blur”.
Betätigen Sie nacheinander die Schaltflächen “Guess” neben “Vertical movement” und “Horizontal movement”. Der Image Analyzer versucht dann, zu ermitteln, wie viele Pixel in senkrechter und waagerechter Richtung die Verwacklung ausmacht.
Ganz unten im Dialogfeld finden Sie einen Wert für die Iterationstiefe. Je höher dieser Wert, desto deutlicher fällt die Dekonvolution aus – wodurch aber auch Bildrauschen und Artefakte zunehmen. Experimentieren Sie hier mit Werten zwischen 2 und 8. Nach einem Klick auf “Do iteration” sehen Sie sofort das Ergebnis (eine Überschärfung machen Sie mit einem Klick auf “Reset” wieder rückgängig).
Focus Magic: Kostenpflichtig, aber intuitiv
Der Name ist Programm: Focus Magic (Download der Testversion unter http://www.focusmagic.com) ist, anders als der Image Analyzer, ausschließlich für verschiedene Arten der Schärfekorrektur entwickelt worden, unter anderem auch zur Dekonvolution verwackelter Aufnahmen. Focus Magic gibt es für den Mac als Photoshop-Plugin, für Windows-PCs auch als Standalone-Software. Die Handhabung ist vergleichsweise intuitiv:
Zunächst öffnen Sie das verwackelte Bild mit Focus Magic. Die Art der Schärfung legen Sie über das Dropdown-Feld “Filter” fest. Hier wählen Sie zu Beginn den Eintrag “Fix Motion Blur”.
Nun klicken Sie in das Bild, um einen Bereich auszuwählen, wo die Verwacklung besonders gut wahrnehmbar ist. Dieser Bereich erscheint nun rot eingerahmt.
Variieren Sie die beiden Felder “Distance” und “Direction” in der Symbolleiste, um die Dekonvolution exakt an Umfang und Richtung der Verwacklung anzupassen. Innerhalb der roten Umrandung sehen Sie sofort, wie sich die Wahl Ihrer Parameter auswirkt. Nach einem Klick auf die grüne Ampel in der Symbolleiste schärft Focus Magic dann das komplette Bild entsprechend. Mit der Testversion von Focus Magic lassen sich sieben Fotos “entwackeln”, danach werden 45 US-Dollar für die weitere Nutzung fällig.
Wunder dürfen Sie von beiden Programmen nicht erwarten: Der Inhalt einer völlig verzitterten Aufnahme mag durch eine “Dekonvolution” erkennbar werden, “gestochen scharf” wird sie aber nur in den seltensten Fällen. Ein Stativ, ein mechanischer Bildstabilisator, eine ruhige Hand oder ein Fernauslöser sind durch eine solche Software nicht zu ersetzen.






