projekt60-03 Anderen gute Tipps geben und sich selbst nicht daran halten? Von wegen! Im Artikel Fünf Ideen, um neuen Schwung in Ihre Fotografie zu bringen finden Sie unter anderem den Vorschlag, als Lockerungsübung 60 Fotos in 60 Minuten zu schießen – und zwar in der Ihnen vertrauten Umgebung, beginnend in Ihrem Wohnzimmer. An einem regnerischen Sonntag Nachmittag fasse ich also den Entschluss, die Tipps im genannten Artikel einmal wieder selbst in die Tat umzusetzen. Ein Stündchen, noch mehr als genug Zeit bis zu den Simpsons…

Zu meiner Freude entdecke ich an meinem Mobiltelefon eine Eieruhr-Funktion namens “Timer”. Doch bevor ich den starte, muss ich eine Reihe folgenschwerer Entscheidungen treffen: Soll ich eine Kompaktkamera oder eine SLR verwenden? Zielvorgabe sind immerhin 60 unterschiedliche Fotos, und da scheint mir die SLR einfach mehr Möglichkeiten zu bieten: Während der Belichtung mit der Hand den Zoom verschieben, die Tiefenschärfe mit offener Blende und langer Brennweite minimieren, das Fernsehbild als Bokeh-Lieferant missbrauchen – all diese Ideen schießen mir durch den Kopf, und derlei ist mit meiner Kompaktknipse eben nur schwer bis garnicht umzusetzen. Vor dem Start stellte ich vorsorglich mein Stativ auf, schraube die Schnellwechselplatte unter die Kamera und entscheide mich für das Objektiv mit 55 – 200 Millimeter-Zoom: Fürs Wohnzimmer sollte das doch wohl ausreichen.

projekt60-01 Ich kann fast spüren, wie mein Hirn Funken sprüht, eine Idee jagt die andere. 60 Fotos? Ach was, 100, mindestens. Dann starte ich den Timer – und plötzlich herrscht Funkstille. Ich gehe im Wohnzimmer auf und ab, inspiziere Schubladen, Vitrinen, Bücherregale, Zeitschriftenstapel und den ganzen Tinnef, der meinem Wohnzimmer den ihm eigenen “Charme” verleiht. “Müllkippe”, denke ich wenig charmant, aber für Minuten bleibt das der einzige greifbare Gedanke. In jenem Raum, in dem mein Hirn seine Ideen aufbewahrt, herrscht gähnende Leere.

“Fang einfach an!”, brüllt mich meine innere Stimme schließlich an, ich gehorche und nehme den Stativkopf ins Visier, den Zoom weit ausgefahren, sodass der Hintergrund verschwimmt.  Klack – wenigstens ein Foto. Hätte ich daran gedacht, den Fernseher einzuschalten, hätte der bestimmt ein schönes Bokeh geliefert, das Bild wäre vielleicht ganz pfiffg geraten. Egal. Nun setze ich die Kamera aufs Stativ, zünde eine Kerze in einem Windlicht an, steckte eine Wunderkerze hinein und fotografiere das funkensprühende Schauspiel. Auf dem Foto sieht es aus, als habe jemand eine Wunderkerze in ein Windlicht gestellt und angezündet – nicht anders zu erwarten, aber doch etwas enttäuschend. Wurscht, weiter: Die Kamera steht immer noch auf dem Stativ, und in einer Ecke liegt mein Panamahut. Prima, machen wir jetzt eben ein Selbstporträt. Ich fokussiere von Hand (da, wo ich gleich stehen werde, ist ja noch niemand, auf den sich der Autofokus stürzen könnte), aktiviere den Selbstauslöser, gehe in “Pose” und fuchtele ein wenig unbeholfen mit den Händen herum, bis es klackt.

projekt60-02 Meine Tochter wirft einen Blick ins Wohnzimmer, grinst und verdrückt sich, nicht ohne eine nette Bemerkung über meinen Hut zu hinterlassen… Um das grausame Spiel abzukürzen: Als die Eieruhr in meinem Handy sich nach einer Stunde meldet, habe ich rund fünfzig Mal den Auslöser betätigt, dabei aber oft das selbe Motiv mehrfach abgelichtet, weil das Bild beim ersten, zweiten und dritten Mal doch nicht so geworden ist, wie es meiner Ansicht nach hätte werden sollen. Nach dem Sichten der Aufnahmen bleiben acht (!) Bilder, die ich nicht als völligen Schrott verwerfe.

Ist das “Projekt 60″, wie ich die Idee liebevoll genannt habe, also gescheitert? Auf gar keinen Fall. Diese eine Stunde hat kreative Prozesse bei mir in Gang gesetzt, die längst nicht abgeschlossen sind. Ein paar Tage später wiederhole ich das Projekt, dieses Mal unter völlig anderen Vorzeichen – beginnend in meinem Auto, auf der Fahrt zur Post und zum Supermarkt. Wieder bleiben nur ein paar Fotos übrig, schräg, bunt, verwackelt, im besten Sinne des Wortes anarchisch – wären sie nicht digital aufgenommen worden, dürfte ich sie wohl als lomographisch bezeichnen. Was aber wichtiger ist als die Bilder selbst, das ist der neu entdeckte Spaß an fotografischen Experimenten, das Wiederentdecken einer alten Liebe. Auf der Seite Projekt 60 und in meinem Flickr-Album 60 Minuten erscheinen von jetzt an regelmäßig die Resultate – schauen Sie doch mal rein!

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