Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Das Buch “Die wilde Seite der Fotografie” ist kein geschlechtsspezifisches Werk. Aber Eier werden Sie brauchen. Und Vaseline, Alkohol und einen Drachen. Mindestens. “Die wilde Seite der Fotografie” ist kein Buch, das Sie in einem Rutsch durchlesen werden. Ich denke sogar, Sie werden es, wie ich, immer wieder aus der Hand legen. Das Buch ist weder ein Unterhaltungsroman noch ein Lehrbuch im klassischen Sinne – es ist eine Sammlung unterschiedlichster Ideen rund um das kreative Fotografieren, die die Autoren (insgesamt sind es derer 17) so plastisch und praxisnah präsentieren, dass der Blick des Lesers nicht lange im Text verharren kann, sondern immer wieder zu seiner Kamera wandert.
Nicht selten wohl auch ein besorgter Blick: Ich bin noch nicht wirklich sicher, ob ich meine gute alte Nikon mit einem Drachen in die Höhe steigen lassen werde, um Luftaufnahmen der besonderen Art zu erzielen. Vielleicht versuche ich es erst einmal mit den “Licht-Graffitis”: Wie sich ein paar LED-Leuchten im wahrsten Sinne des Wortes für das “Malen mit Licht” zweckentfremden lassen, wird in diesem Kapitel erklärt. Und mit ausgiebigem Stöbern bei Ebay oder auf einem Foto-Flohmarkt könnte ich mir vielleicht auch die nötigen Materialien besorgen, um ein Shift/Tilt-Objektiv selbst zu basteln, wie Herausgeber Cyrill Harnischmacher es detailliert im Kapitel “Selektive Schärfe” erklärt.
Überhaupt sind handwerklich nicht ganz unbeleckte Fotografen im Vorteil, wenn sie die Tipps in diesem Buch umsetzen wollen: Die können zum Beispiel ein teures Unterwassergehäuse durch ein Eigenbau-Periskop ersetzen, um Unterwasser-Aufnahmen zu machen, ohne nass zu werden. Oder sich einen Sonnenfilter basteln, um jenen ziemlich gut beheizten Himmelskörper ohne Gefahr für Auge und Bildsensor ins Visier nehmen zu können. Oder ein “Klippklapp”, eine Stativhalterung, um Stereobilder zu fotografieren.
Aber auch die Foto-Geeks, die ihre Zeit lieber vor ihrem Computer als im Hobbykeller verbringen, kommen nicht zu kurz: Wie sich jene ganz besonderen Panoramen, die “Little Planets” erstellen lassen (zur Not auch mit Freeware), erklärt ein eigenes Kapitel, und warum sich Notebook-Besitzer die Anschaffung eines Mini-Studios sparen können, erfahren sie bereits recht weit vorn, im zweiten Kapitel. Lediglich das Kapitel “Camera Hacking” dürfte den einen oder anderen enttäuschen: Es beschreibt zwar detailliert und nachvollziehbar, wie sich einer Kamera via Firmware neue Tricks beibringen lassen, beschränkt sich dabei aber auf Canon-Kompaktkameras.
Zugegeben, Cyrill Harnischmacher und die anderen Autoren haben auch nirgends in diesem Buch das Rad neu erfunden, und die Ausführungen zu den beschriebenen Techniken sind nicht in allen Fällen erschöpfend. Aber das sollen sie auch nicht, dann kämen Sie ja gar nicht mehr zum Fotografieren. Und genau dazu animiert “Die wilde Seite der Fotografie”. Mit einem Preis von 29 Euro ist das 222 Seiten starke, im Querformat gebundene Buch nicht billig – aber auch keinen Cent zu teuer.
Die wilde Seite der Fotografie* – Herausgeber: Cyrill Harnischmacher
dpunkt.verlag
ISBN-10: 3898646343
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