Tote am Straßenrand, Verletzte, denen das Blut durch ihre Verbände sickert, Soldaten unter Beschuss, explodierende Brandbomben: Soll man das fotografieren und die Bilder auch noch veröffentlichen oder irgendwelchen Medien zur Veröffentlichung überlassen? Jeder, der fotografiert, ob beruflich oder privat, ob mit künstlerischem oder dokumentarischem Anspruch, stellt sich und das, was er tut, irgendwann in Frage. Und nicht immer gibt es eine einfache Antwort: Rauben Aktbilder den Abgebildeten – oder gar deren ganzem Geschlecht – die Würde? Und wie steht es um die Würde der Fotografierten auf Fotos, die menschliches Leiden und Sterben darstellen? Bedienen die Fotos vorwiegend niedere Instinkte der Rezipienten, oder dienen sie einem höheren Zweck? Und wenn ja, welche Mittel heiligt dieser Zweck?
Das beste, was ein journalistisches, also dokumentierendes, Foto zu leisten vermag, ist es, dem Betrachter einen Blick auf etwas zu gewähren, das ihm sonst verborgen geblieben wäre, und dabei nicht nur seinen Intellekt, sondern auch sein Empfinden zu berühren. Worte schaffen Wissen, aber erst Bilder schaffen Realität in den Köpfen.
“Aber die Realität besteht doch nicht nur aus Krieg, Tod und Elend”, mag der eine oder andere einwenden. Das stimmt. Aber es gibt ja auch genug Fotos (selbst aus Kriegsgebieten), denen jede Drastizität abgeht, die im Gegenteil versuchen, eine andere, schönere Realität zu schaffen. Aber erst, wenn die Rezipienten die schrecklichsten, traurigsten, abstoßendsten Teile einer bestimmten Realität zu Gesicht bekommen, sind sie in der Lage, sich für oder gegen diese Realität zu entscheiden. Die Möglichkeit, nach umfassender Information eine Entscheidung zu treffen, wiederum ist die Grundlage jeder demokratischen Gesellschaftsordnung.
Es ist kein Zufall, dass die USA in beiden Golfkriegen versucht haben, Fotos von verletzten, getöteten oder gefangenen Soldaten der eigenen Streitkräfte zu unterdrücken, waren es doch zu Zeiten des Vietnamkriegs vor allem die Bilder gewesen, die 1968 die bis dahin kriegsfreundliche Stimmung in den USA zum Kippen gebracht hatten, und schließlich zum einem unrühmlichen Ende des amerikanischen Engagements geführt hatten.
Worte informieren, Bilder bewegen
Bei aller Verschiedenheit der Wertesysteme gibt es doch einige weltweit gültige Übereinstimmungen in der Beurteilung von richtig und falsch: Wenn Unschuldige leiden, zu Tode kommen, ihre Freiheit oder ihren Besitz verlieren, dann empfindet fast jeder Mensch das als Unrecht: Guantanamo, Abu Ghraib, Srebrenica, Port Au Prince – ohne die schrecklichen, bedrückenden Bilder (die keineswegs immer nur von Journalisten aufgenommen wurden) wären das nur Ortsnamen, verbunden mit ein paar schlechten Nachrichten, über deren Wahrheitsgehalt sich trefflich streiten ließe. Erst die Bilder haben die Geschehnisse dort auch im Rest der Welt zur Realität werden lassen – und haben Menschen bewogen, etwas ändern zu wollen, ob nun mit einer Spende für die Erdbebenopfer, persönlichem Einsatz als Helfer, oder mit der Forderung, Mord, Folter und willkürliche Freiheitsberaubungen zu beenden, und die Verantwortlichen einer Bestrafung zuzuführen.
Verkommt das dokumentarische Foto da nicht zu einem Propagandawerkzeug? “Ein Journalist darf sich nicht gemein machen. Auch nicht mit etwas Gutem”, hat der bekannte Journalist Hans-Joachim Friedrichs gesagt. Aber ist es wirklich Propaganda, die Öffentlichkeit umfassend und wahrheitsgemäß zu informieren? Im Gegenteil: Wer die Veröffentlichung solcher Fotos ablehnt oder verhindert, der macht sich gemein mit denen, die ein Interesse daran haben, der Öffentlichkeit eine andere Realität vorzugaukeln. Solche Fotos hindern niemanden daran, einen Krieg für gut und richtig zu halten – sie führen ihm lediglich vor Augen, was das überhaupt ist, so ein Krieg.
Es gibt viele Gründe zu fotografieren: Um ein ästhetisches Bild zu schaffen, um persönliche Erinnerungen festzuhalten – aber eben auch, um die Öffentlichkeit über Dinge zu informieren, die mit Worten allein nur unzureichend beschrieben werden können. Dabei soll nicht der Fälschung das Wort geredet werden: Fotoreporter, die dorthin gehen, wo es weh tut, haben das nicht nötig. Die Welt braucht noch mehr schreckliche Fotos. Nur dann hat sie die Chance, eine bessere zu werden.
Der Irak in Flammen
Update: Angesichts der Katastrophe in Haiti haben sich noch mehr schreibende und fotografierende Journalisten über das Für und Wider des Fotografierens in Katastrophengebieten Gedanken gemacht. Lesenswert ist unter anderem der Kommentar des Fotojournalisten Sascha Rheker, in dem er auf eine unverhohlene Fotografen-Kritik des schreibenden Kollegen Hajo Schumacher eingeht.









One Comments to “Weil’s einfach Pflicht ist: Bilder von Krieg, Tod und Elend, und warum die Welt sie braucht”
Bilder von Krieg, Tod, Elend: Warum die Welt sie braucht…
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